Partnerschaften im Verkehrs- und Transitsektor sind zu einem Eckpfeiler der Zusammenarbeit zwischen den Turkstaaten geworden
In sich rasch wandelnden globalen Volkswirtschaften werden Verkehr und Logistik zu mehr als nur Infrastrukturelementen, sondern zu entscheidenden Instrumenten wirtschaftlichen und geopolitischen Einflusses. Vor diesem Hintergrund entwickelt sich die Organisation der Turkstaaten allmählich zu einer der vielversprechendsten Plattformen für regionale Zusammenarbeit in Eurasien. Der Ausbau von Verkehrs- und Transitverbindungen, die nun die Grundlage für die wirtschaftliche Integration der Turkstaaten bilden, nimmt einen besonderen Platz in den Aktivitäten der Organisation ein.
In diesem Zusammenhang wird der informelle Gipfel der Organisation der Turkstaaten, der am 14. und 15. Mai dieses Jahres in Turkestan (Republik Kasachstan) stattfindet, ein positiver Schritt zur weiteren Stärkung der Position der Organisation, zur Vertiefung der Zusammenarbeit und zur Bündelung der Anstrengungen aller turkischen Staaten sein.
Verkehr als Grundlage einer neuen eurasischen Architektur
Heute arbeiten die Mitgliedstaaten der OTS in mehr als 40 Bereichen zusammen – von Wirtschaft und Energie bis hin zu digitalen Technologien und künstlicher Intelligenz. Der Verkehrssektor entwickelt sich jedoch allmählich zum Hauptmotor der Integration.
Dies ist auf die einzigartige geografische Lage der Turkstaaten zurückzuführen. Die Region liegt am Schnittpunkt wichtiger internationaler Routen, die Europa, Zentralasien, China, den Nahen Osten und Südasien verbinden. Es entsteht ein neues eurasisches Logistiksystem, in dem die OTS-Mitgliedstaaten als Bindeglied zwischen Ost und West eine Schlüsselrolle spielen.
Angesichts des Wandels globaler Lieferketten und des sich verschärfenden Wettbewerbs zwischen internationalen Transportrouten streben die Staaten der Region nicht nur danach, ihre eigene Infrastruktur zu stärken, sondern auch einen einheitlichen Transit- und Logistikraum zu schaffen.
Entwicklung einer gemeinsamen Verkehrspolitik
In den letzten Jahren wurde innerhalb der OTS ein solider rechtlicher Rahmen geschaffen, der die strategische Bedeutung dieses Bereichs in Dokumenten wie der „Turkic Vision 2040“ und der „OTS-Strategie für 2022–2026“ verankert.
Der Gipfel von Samarkand 2022 war von besonderer Bedeutung, da dort das Abkommen über den internationalen kombinierten Güterverkehr zwischen den Regierungen der OTS-Mitgliedstaaten sowie das Programm zur Verkehrsanbindung unterzeichnet wurden. Diese Dokumente läuteten eine neue Ära der Zusammenarbeit zwischen den Turkstaaten ein und schufen konkrete Mechanismen für deren Umsetzung.
Ein wichtiger Schritt war die Einführung des e-CMR-Systems im Jahr 2026, das die elektronische Übermittlung von Transportdokumenten ermöglicht. Dies vereinfacht den Transport erheblich, reduziert bürokratische Verfahren und beschleunigt den Warenverkehr über Staatsgrenzen hinweg. Gleichzeitig schreitet die Zusammenarbeit bei der Digitalisierung von Zollprozessen, der Einführung elektronischer Genehmigungen und der Vereinheitlichung von Transitverfahren voran.
Institutionelle Stärkung der Zusammenarbeit
In den letzten Jahren hat die OTS stetig einen institutionellen Rahmen für die Verkehrsintegration entwickelt und die Zusammenarbeit von einer politischen und deklarativen Ebene auf eine praktische Ebene verlagert. Regelmäßige Treffen der zuständigen Behörden der Mitgliedstaaten der Organisation spielen in diesem Prozess eine Schlüsselrolle.
Auf dem Treffen der OTS-Verkehrsminister im April 2026 in Bischkek lag der Schwerpunkt auf der Entwicklung von Verkehrskorridoren und dem Abbau von Hindernissen beim Grenzübertritt. Im Wesentlichen zielt dies darauf ab, ein besser koordiniertes regionales Verkehrssystem zu schaffen, das die Wettbewerbsfähigkeit der OTS-Routen angesichts wachsender Frachtströme zwischen Asien und Europa steigern kann.
Treffen der Leiter der Eisenbahnverwaltungen, die seit 2022 stattfinden, erfüllen eine ähnliche Funktion. Auf dem Treffen im Oktober 2025 in Bischkek wurden Themen wie die Digitalisierung des Verkehrsmanagements und die Verbesserung der Effizienz des Schienenverkehrs erörtert. Dies verdeutlicht den Wunsch der OTS-Länder, die Transportabläufe zu vereinheitlichen und die Logistikkosten innerhalb der Region zu senken.
Ein weiterer Schritt in Richtung Institutionalisierung war die Gründung der Allianz der Logistikzentren und Frachtunternehmen innerhalb der OTS im Jahr 2024 in Taschkent. Die Einrichtung dieser Struktur signalisiert eine Verlagerung hin zu einer stärkeren Einbindung der Wirtschaft in die Verkehrsintegration.
Verkehrskorridore als strategische Grundlage für die Integration der OTS-Länder
Einer der Schlüsselbereiche der Verkehrsstrategie der OTS ist die Schaffung eines einheitlichen Verkehrsverbundraums, dessen Schwerpunkt auf der Entwicklung internationaler Korridore liegt, die Ost und West sowie Nord und Süd Eurasiens verbinden.
Der Mittlere Korridor, der China und Europa über Zentralasien und den Südkaukasus verbindet, ist in diesem System von besonderer Bedeutung. Vor dem Hintergrund des Wandels in der globalen Logistik, geopolitischer Instabilität und des Bestrebens der Staaten, ihre Handelswege zu diversifizieren, entwickelt sich dieser Korridor zu einer der vielversprechendsten Verkehrsadern in Eurasien.
Während das Verkehrsaufkommen auf dieser Route im Jahr 2020 noch relativ begrenzt war, überstieg es bis 2025 5 Millionen Tonnen – eine fast sechsfache Steigerung. Dies verdeutlicht den schrittweisen Wandel des Mittleren Korridors von einer alternativen Route zu einem wichtigen Element des globalen Verkehrssystems.
Darüber hinaus reicht die Bedeutung des Korridors weit über seine Rolle als Transitroute hinaus. Für die Mitgliedstaaten der OTS bedeutet seine Entwicklung eine Stärkung der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen, eine Erweiterung des Zugangs zu externen Märkten, die Anziehung von Investitionen und eine Erhöhung der Widerstandsfähigkeit der Volkswirtschaften gegenüber externen Schocks. Langfristig wird der Mittlere Korridor als Grundlage für ein neues Modell der eurasischen Konnektivität angesehen.
Ein Schlüsselelement dieser Strategie ist die Umsetzung des Eisenbahnprojekts „China – Kirgisistan – Usbekistan“, das bereits als eines der bedeutendsten Infrastrukturprojekte in Zentralasien gilt. Die Baukosten für die Autobahn, die 50 Brücken und 29 Tunnel umfasst und sich über etwa 120 Kilometer erstreckt, werden auf rund 4,7 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Das Projekt wird die Lieferzeiten für Güter zwischen China und Europa erheblich verkürzen, das Transitpotenzial Zentralasiens stärken und die Integration des Verkehrssystems der OTS verbessern. Im Wesentlichen wird dadurch eine neue strategische Route geschaffen, die das Logistikgefüge der Region verändern kann.
Ebenso wichtig ist die Entwicklung des Trans-Afghan-Korridors, der den OTS-Ländern den Zugang zu den Märkten Südasiens mit einer Bevölkerung von rund 1,9 Milliarden Menschen und einem kombinierten BIP von etwa 3,5 Billionen US-Dollar eröffnet. Für die zentralasiatischen Staaten schafft dies Möglichkeiten zur Diversifizierung des Außenhandels, zur Erweiterung der Exportrouten und zur Senkung der Transportkosten. Gleichzeitig hat der Trans-Afghanische Korridor das Potenzial, durch die Förderung von Handel, Investitionen und industrieller Zusammenarbeit zur wirtschaftlichen Stabilisierung der Region beizutragen.
Usbekistan als Motor der Verkehrsintegration in der Organisation der Turkstaaten
Seit dem Beitritt der Republik Usbekistan zur Organisation der Turkstaaten im Jahr 2019 ist die Zusammenarbeit in den Bereichen Verkehr und Logistik zu einem Schwerpunkt der außenwirtschaftlichen Strategie des Landes innerhalb der Organisation der Turkstaaten geworden. Angesichts des Wandels globaler Lieferketten, der wachsenden Bedeutung alternativer eurasischer Routen und des zunehmenden Wettbewerbs unter internationalen Verkehrskorridoren hat Taschkent konsequent Initiativen zur Schaffung eines einheitlichen Verkehrs- und Transitrraums für die OTS vorangetrieben.
Die Initiativen des Präsidenten der Republik Usbekistan, Shavkat Mirziyoyev, spielen eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung dieser Agenda. Er betrachtet die Verkehrsanbindung als einen entscheidenden Faktor für die regionale Integration und die wirtschaftliche Entwicklung. Auf dem OTS-Gipfel in der Türkei im Jahr 2021 betonte der Staatschef die Notwendigkeit einer systemischen Zusammenarbeit in den Bereichen Verkehr und Transit, was einen Wandel hin zu einem umfassenderen Ansatz innerhalb der Organisation markierte. Diese Agenda gewann auf dem Gipfel in Samarkand 2022 erheblich an Dynamik, wo Usbekistan sich für die Entwicklung multimodaler Routen und die Einführung der elektronischen Systeme e-TIR, e-Permit und e-CMR einsetzte.
Die usbekischen Logistikzentren Universal Logistics Services (Taschkent), Akhtachy (Andijan) und Termez Cargo Center (Surkhandarja) schlossen sich der „Sister Ports“-Initiative an, was einen praktischen Schritt zur Integration der usbekischen Verkehrsinfrastruktur in das regionale Logistiknetzwerk darstellt.
Auf dem Gipfel 2023 in Astana betonte Usbekistan erneut die Diversifizierung der Transportrouten und den Ausbau des Mittleren Korridors, der im aktuellen geoökonomischen Umfeld als vielversprechende Route zwischen Asien und Europa strategische Bedeutung erlangt. Gleichzeitig setzte sich Taschkent für den Ausbau von Transportrouten ein, die die OTS-Länder mit den Märkten Chinas, Südasiens und Europas verbinden.
Eine logische Fortsetzung dieser Vorgehensweise waren die auf dem OTS-Gipfel in Bischkek im November 2024 angekündigten Initiativen. Der Schwerpunkt lag auf der Optimierung der Transittarife, der Vereinfachung der Grenzabfertigung, der Einrichtung gemeinsamer Logistikmechanismen und der Umstellung auf elektronische Dokumentenverwaltung.
Im Mai 2025 unterstützte Usbekistan auf dem informellen OTS-Gipfel in Ungarn die beschleunigte Einführung von „Single-Window“-Systemen und „grünen Korridoren“ entlang der transkaspischen Route. Auf dem Gipfel in Gabala im November 2025 wurde besonderes Augenmerk auf die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Mittleren Korridors, die Modernisierung der Infrastruktur und damit verbundene Bereiche gelegt. Besondere Bedeutung wurde der Anbindung dieser Route an das Eisenbahnprojekt „China – Kirgisistan – Usbekistan“ und den Trans-Afghanischen Korridor beigemessen, die zusammen ein neues System der Verkehrsanbindung über eine riesige Region hinweg schaffen.
Das Internationale Forum für multimodalen Verkehr, das am 12. November 2025 in Taschkent stattfand, war eine praktische Bestätigung der wachsenden Rolle Usbekistans in der Verkehrsagenda der OTS.
Insgesamt zeigen die Turkstaaten bereits die Bereitschaft, über eine Partnerschaft hinauszugehen und einen einheitlichen, vernetzten Raum zu schaffen. Gemeinsame Infrastrukturprojekte, die Entwicklung interregionaler Korridore, die Digitalisierung der Logistik und die aktive Rolle Usbekistans bei der Förderung dieser Prozesse bilden die Grundlage für eine neue Verkehrsarchitektur innerhalb der OTS.
Sarvar Kamolov,
Leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter,
Institut für strategische und regionale Studien beim Präsidenten der Republik Usbekistan