Pierre Gerber: „Fachleute aus den Bereichen Gesundheitswesen, Veterinärmedizin, Landwirtschaft und Ökologie müssen zusammenarbeiten“
Zentralasien ist ein wichtiger Knotenpunkt globaler Handels- und Transportwege, doch neben den wirtschaftlichen Chancen nehmen auch grenzüberschreitende Risiken zu, die von Infektionskrankheiten bis hin zu Gefahren für die Lebensmittelsicherheit reichen.
Pierre Gerber, leitender Agrarökonom bei der Weltbank, sprach darüber, wie der „One Health“-Ansatz den Ländern der Region hilft, ihre Wirtschaft zu entwickeln, ohne die Gesundheit der Bürger und der Ökosysteme zu gefährden.
– Herr Gerber, was ist das Hauptziel der Regionalkonferenz in Bischkek?
– Dies ist die zweite Regionalkonferenz des „One Health“-Programms in Zentralasien. Wir sind hier zusammengekommen, um mehrere wichtige Aufgaben zu bewältigen. Erstens, um die sektorübergreifende und zwischenstaatliche Zusammenarbeit bei der Umsetzung dieses Ansatzes weiter zu stärken; zweitens, um die praktische Umsetzung von Projekten vor Ort zu beschleunigen und Maßnahmen zu koordinieren, um die Wirksamkeit des Programms zu maximieren.
Schließlich liegt ein Schwerpunkt unserer Arbeit auf der Wissenschaft. „One Health“ ist ein relativ neues Fachgebiet, das eingehende Forschung und einen ständigen Wissensaustausch erfordert. Deshalb haben wir einen ganzen Tag der Konferenz ausschließlich wissenschaftlichen Themen gewidmet.
– Für viele Menschen in Zentralasien klingt der Begriff „One Health“ noch ungewohnt. Könnten Sie das Konzept kurz erläutern?
– Alles basiert auf einer einfachen Wahrheit: Die Gesundheit von Menschen, Nutztieren und Wildtieren sowie der Zustand der Umwelt sind untrennbar miteinander verbunden. Menschen und Tiere teilen sich Krankheiten. Umweltverschmutzung kann in die Nahrungskette gelangen und zu Krankheiten führen.
Das „One Health“-Konzept bringt Fachleute aus den Bereichen Gesundheitswesen, Veterinärmedizin, Landwirtschaft und Ökologie zusammen, anstatt isoliert voneinander zu arbeiten. Dies ist eine direkte Investition in die Zukunft: Krankheitsprävention, Vorsorge für mögliche Pandemien und die Fähigkeit, schnell auf Krisen zu reagieren. Gleichzeitig bringt dieser Ansatz greifbare wirtschaftliche Vorteile mit sich, beispielsweise durch die Steigerung der Produktivität in der Tierhaltung und die Belebung des regionalen Handels.
– Was sind die größten Herausforderungen und Risiken, denen sich die zentralasiatischen Länder heute gegenübersehen?
– Die Region spielt eine Schlüsselrolle als Brücke zwischen Ost und West, zwischen China und Europa. Im Zentrum dieser globalen Ströme erhält Zentralasien einen erheblichen Schub für Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Gleichzeitig steigen auch die Risiken der Einschleppung gefährlicher Krankheitserreger und der Ausbreitung von Infektionen. Der „One Health“-Ansatz bietet der Region die Möglichkeit, ihr wirtschaftliches Potenzial voll auszuschöpfen und sie gleichzeitig vor diesen Bedrohungen zu schützen.
Die zweite große Herausforderung ist die Lebensmittelsicherheit. Wir müssen gewährleisten, dass die Produkte, die auf den Tischen der Bürger landen, frei von gefährlichen Krankheitserregern oder giftigen Schadstoffen sind – ein Ziel, das die Zusammenarbeit zwischen Tierärzten, Ärzten und Umweltschützern erfordert.
– Welche Rolle spielt das „One Health“-Konzept in der globalen Strategie der Weltbank?
– „One Health“ ist nicht nur ein einzelnes Projekt. Es ist eine grundlegend andere Arbeitsweise. Die Weltbank finanziert zahlreiche Programme in den Bereichen Umweltschutz, Gesundheit, landwirtschaftliche Produktivität und Handel. Dieser Ansatz verknüpft diese Investitionen miteinander. Durch die Bündelung der Kräfte verschiedener Branchen erzielen wir einen Synergieeffekt, der die Rendite jedes investierten US-Dollars erheblich steigert – sowohl durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze als auch durch die Sicherung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums in ganz Zentralasien.
Roman Bondarchuk, UzA