Eldor Tulyakov: „Usbekistan und Tadschikistan streben eine vertiefte wirtschaftliche Integration an“
Usbekistan und Tadschikistan bauen ihre wirtschaftlichen und infrastrukturellen Verbindungen aktiv aus, stärken die bilaterale Zusammenarbeit und fördern Investitionen.
Eldor Tulyakov, Geschäftsführer des Zentrums für Entwicklungsstrategie, sprach in einem Interview mit einer Korrespondentin der UzA über die wichtigsten Erfolge der beiden Länder, darunter die Zunahme der Zahl gemeinsamer Unternehmen, die Umsetzung großer Verkehrs-, Logistik- und Energieprojekte sowie die erfolgreiche Entwicklung der interregionalen Zusammenarbeit. Ihm zufolge könnte der bevorstehende Besuch des tadschikischen Präsidenten Emomali Rahmon in Usbekistan den bilateralen Beziehungen neue Impulse verleihen und die weitere Integration der Wirtschaft und Infrastruktur der Region vorantreiben.
– Eldor Sobirjonovich, in den letzten Jahren haben sich die Beziehungen zwischen Usbekistan und Tadschikistan spürbar intensiviert, was sich sowohl in der Wirtschaft als auch in Infrastrukturprojekten widerspiegelt. Welche konkreten Erfolge in diesen Bereichen würden Sie als besonders bedeutsam und bezeichnend für die Stärkung der Zusammenarbeit ansehen?
– In den letzten Jahren haben die Beziehungen zwischen den beiden Staaten ein qualitativ neues Niveau erreicht. Die unterzeichneten Abkommen über strategische Partnerschaft und verbündete Beziehungen haben einen institutionellen Rahmen geschaffen, um den Handel und die wirtschaftliche Interaktion zu fördern und die bilateralen Beziehungen zu stärken.
Unter den bedeutendsten gemeinsamen Initiativen nehmen Projekte im Verkehrs- und Logistiksektor einen besonderen Platz ein. Zu den größten zählt insbesondere die Errichtung des Handels- und Logistikzentrums Andarkhon in der Region Fergana, das mehr als 200 Einrichtungen umfasst: Produktionsstätten, Lagerhäuser, Hotels und Finanzinfrastruktur mit einem Gesamtwert von rund 100 Millionen US-Dollar.
Gleichzeitig werden Projekte zur Modernisierung und Kapazitätserweiterung von Grenzkontrollstellen wie „Jartepa – Sarazm“ und „Oybek – Fotehabad“ sowie zur Errichtung neuer Logistikzentren in Grenzgebieten umgesetzt. Diese Zentren sollen bis zu 100 Lkw pro Tag abfertigen können. Insbesondere wird der Bau eines großen Logistikzentrums in der Nähe der oben genannten Kontrollpunkte in Betracht gezogen, unter Einbeziehung internationaler Finanzinstitutionen und Mechanismen öffentlich-privater Partnerschaften. Darüber hinaus wird die Einrichtung eines Logistikzentrums im Bezirk Urgut diskutiert, um erhebliche Frachtströme abzuwickeln und die Grenzabfertigung zu optimieren. Besondere Aufmerksamkeit gilt auch der Entwicklung multimodaler Verkehrskorridore. Insbesondere wird die Einführung von Pilottransporten entlang der Route China – Tadschikistan – Usbekistan geprüft, um das Transitpotenzial der Region zu stärken und sie an die Initiativen der „Neuen Seidenstraße“ anzubinden.
Ein wichtiger Schritt ist auch die Umstellung auf ein elektronisches Genehmigungsformat für den internationalen Straßengüterverkehr, wodurch sich die Zeit für den Grenzübertritt erheblich verkürzt. Es sei darauf hingewiesen, dass Usbekistan, das im Herzen Zentralasiens liegt, über ein beträchtliches Verkehrs- und Transitpotenzial verfügt. Auf dieser Grundlage ist das Verkehrs- und Logistiknetz Tadschikistans eng mit unserem Land verflochten. Folglich trägt die gemeinsame Nutzung der Infrastrukturkapazitäten nicht nur zur Entwicklung der beiden Länder, sondern auch der gesamten Region bei.
Gleichzeitig vertieft sich die Zusammenarbeit im Energiesektor. Zu den Schlüsselprojekten gehört der Bau der Wasserkraftwerke Yavan und Fandarya mit einer Gesamtleistung von etwa 320 MW. Diese Anlagen sind darauf ausgelegt, jährlich rund 1,4 Milliarden kWh Strom zu erzeugen, der zu gleichen Teilen zwischen den Ländern aufgeteilt wird, was sie zu einem wichtigen Element der regionalen Energiesicherheit macht. Auch rund um das größte Projekt – das Wasserkraftwerk Rogun, das in das Energiesystem der Region integriert wird – entwickelt sich die Zusammenarbeit.
– Die Zahl der Gemeinschaftsunternehmen steigt von Jahr zu Jahr. Dies deutet auf eine wachsende Investitionstätigkeit und das Vertrauen zwischen den Ländern hin. Welche Sektoren sind derzeit für gemeinsame Geschäfte am interessantesten und warum?
– In der Tat ist die wachsende Zahl gemeinsamer Unternehmen ein direkter Beweis für ein hohes Maß an Vertrauen und die Schaffung eines günstigen Investitionsklimas. Nach den neuesten Daten des Nationalen Statistikkomitees sind zum 1. Februar 2026 410 Unternehmen mit tadschikischer Kapitalbeteiligung im Land tätig. Davon fungieren 102 als Joint Ventures (JVs), während 308 als ausländische Unternehmen mit vollständiger Eigentümerschaft durch Partner aus Tadschikistan operieren. Diese Zahlen spiegeln die stetige Ausweitung der Geschäftstätigkeit tadschikischer Investoren in verschiedenen Sektoren der usbekischen Wirtschaft wider. Die größte Anzahl solcher Unternehmen konzentriert sich auf den Handelssektor, in dem 144 Firmen tätig sind. Eine Analyse der Investitionsstruktur ermöglicht es, Schlüsselbranchen zu identifizieren, die die größte Investitionsattraktivität aufweisen – dazu gehören Handel und Einzelhandel, Industrie, Bauwesen, der Technologie- und Dienstleistungssektor, wo eine starke Präsenz im Segment der Informationstechnologie und Kommunikation zu beobachten ist, sowie der Tourismus, insbesondere das Gastgewerbe und die Logistik.
Es sei auch darauf hingewiesen, dass die 2021 gegründete Usbekistan-Tadschikistan-Investmentgesellschaft eine besondere Rolle bei der institutionellen Unterstützung der Wirtschaft spielt. Mit einem genehmigten Kapital von 50 Millionen US-Dollar (75 Prozent vom Fonds für Wiederaufbau und Entwicklung Usbekistans und 25 Prozent von TajInvest) wirkt diese Struktur als Katalysator für die Geschäftstätigkeit. Derzeit unterstützt das Unternehmen Projekte in 36 Schwerpunktbereichen, darunter Energie, Gesundheitswesen und Bankwesen, um die langfristige Nachhaltigkeit der bilateralen wirtschaftlichen Zusammenarbeit sicherzustellen. Die aktuelle Dynamik deutet somit auf einen schrittweisen Übergang von überwiegend handelsbasierten Interaktionen hin zu einer diversifizierteren, investitionsorientierten Zusammenarbeit in Schlüsselbereichen der Wirtschaft.
– Inwieweit haben die Reformerfahrungen Usbekistans, einschließlich der wirtschaftlichen Liberalisierung, der Entwicklung des Investitionsklimas und des Modells der interregionalen Zusammenarbeit, die Vertiefung der Interaktion mit Tadschikistan beeinflusst, und welche konkreten Ergebnisse dieses Einflusses halten Sie für am aussagekräftigsten?
– Die Reformerfahrungen Usbekistans haben durch die Übernahme bestimmter Instrumente, vor allem in den Bereichen wirtschaftliche Öffnung, Investitionen und regionale Zusammenarbeit, praktische Auswirkungen auf Tadschikistan gehabt. Das anschaulichste Beispiel ist die Normalisierung der Beziehungen und die Lösung von Grenzfragen sowie die Einführung einer bis zu 30-tägigen Visumbefreiung für gegenseitige Reisen von Bürgern beider Länder im Jahr 2018, was zu einem Anstieg des Handels und einer Zunahme der Zahl gemeinsamer Unternehmen führte. Im vergangenen Jahr wurde Usbekistan von etwa 11,7 Millionen ausländischen Touristen besucht, das sind 47 Prozent mehr als im Jahr 2024. Unter ihnen belegten die Bürger Tadschikistans den zweiten Platz (mehr als 2,7 Millionen Touristen). Ein wichtiges Element war das Modell der interregionalen Zusammenarbeit, nämlich direkte Verbindungen zwischen Grenzregionen, wodurch die wirtschaftliche Interaktion auf lokaler Ebene beschleunigt werden konnte. Infolgedessen hat sich die interregionale Zusammenarbeit zwischen den Regionen Sughd und Khatlon in Tadschikistan mit den Regionen Samarkand und Surkhandarja in Usbekistan in den letzten Jahren positiv entwickelt.
Im Juni 2021 fand das erste interregionale Investitionsforum in der Stadt Bokhtar in der Region Khatlon der Republik Tadschikistan statt. Am 18. April 2024 wurden im Rahmen eines hochrangigen Besuchs in Tadschikistan Kooperationsvereinbarungen und Roadmaps zwischen der Region Sughd und den Regionen Andijan, Namangan, Syrdarja, Fergana und Khorezm der Republik Usbekistan sowie zwischen den Regionen Khatlon und Kaschkadarja unterzeichnet.
Auch die Erfahrungen Usbekistans bei der Verbesserung des Investitionsklimas erwiesen sich als bedeutend – durch Anreize, Vereinfachungen für Unternehmen und die Schaffung von Sonderwirtschaftszonen, die bilaterale Investitionen und die Gründung von Joint Ventures ankurbelten.
– Im Zeitraum von 2017 bis 2025 hat sich der gegenseitige Handelsumsatz fast vervierfacht – von 238 Millionen US-Dollar auf 912 Millionen US-Dollar, wobei sowohl die Exporte als auch die Importe deutlich gestiegen sind. Wie beurteilen Sie die Aussichten für ein weiteres Wachstum des Handels zwischen den Ländern, und welche Hindernisse stehen derzeit der vollen Entfaltung des Handelsvolumens im Wege?
– Die Aussichten für ein weiteres Wachstum des Handels zwischen Usbekistan und Tadschikistan sind nach wie vor bedeutend und weitgehend unerschlossen. Die bereits erzielte Dynamik – eine fast vierfache Steigerung des Handelsvolumens zwischen 2017 und 2025 – deutet auf eine hohe Komplementarität der Volkswirtschaften und die Wirkung des Abbaus politischer und administrativer Hindernisse hin. Bis Ende 2025 belief sich der gegenseitige Handelsumsatz auf 912 Millionen US-Dollar, was einem Anstieg von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Im Rahmen hochrangiger bilateraler Verhandlungen einigten sich die Parteien darauf, das Handelsvolumen auf 2 Milliarden US-Dollar zu steigern.
Nach Schätzungen von Experten liegt das Wachstumspotenzial weiterhin bei mindestens 30 bis 40 Prozent, was in erster Linie auf die Substitution von Tadschikistans Importen aus Drittländern durch usbekische Produkte zurückzuführen ist, insbesondere in den Industriesegmenten (Automobile, Haushaltsgeräte, Chemikalien, Textilien). Zu den bedeutenden Chancen zählt auch die Entwicklung der industriellen Zusammenarbeit – die Gründung gemeinsamer Verarbeitungsbetriebe in Grenzregionen und der Ausbau der Agrarlogistik-Infrastruktur. Ein weiterer Treiber könnte die Vertiefung der partnerschaftlichen Beziehungen sein, weg vom reinen Handel hin zu einem Modell gemeinsamer Investitionen und der Integration von Produktionsketten.
– Mit welchen tadschikischen Analysezentren arbeitet das Zentrum für Entwicklungsstrategien zusammen, und welche gemeinsamen Projekte zeigen bereits Ergebnisse?
– In den letzten Jahren hat das Zentrum für Entwicklungsstrategie konsequent die fachliche und institutionelle Zusammenarbeit mit relevanten Analyse- und Regierungsstrukturen der Republik Tadschikistan ausgebaut. Zu den wichtigsten Partnern zählt das Zentrum für Strategische Studien beim Präsidenten der Republik Tadschikistan, mit dem ein regelmäßiger Dialog gepflegt wird und an dessen Seite gemeinsame internationale Veranstaltungen stattfinden, die der Entwicklung der Beziehungen zwischen Usbekistan und Tadschikistan sowie relevanten Aspekten der regionalen und globalen Agenda gewidmet sind.
Die praktische Dimension dieser Zusammenarbeit umfasst die Organisation von und die Teilnahme an Expertentreffen und Diskussionsplattformen. Insbesondere fand 2019 im Zentrum für Entwicklungsstrategie ein Treffen mit Zarif Alizoda statt, dem Assistenten des Präsidenten der Republik Tadschikistan für Rechtsangelegenheiten und bevollmächtigten Vertreter des Präsidenten im Parlament. Im Rahmen des Dialogs wurden Perspektiven für die Stärkung der bilateralen Zusammenarbeit erörtert, darunter die Entwicklung der Interaktion zwischen zivilgesellschaftlichen Institutionen und der Ausbau des Informationsaustauschs. Darüber hinaus fungierte unser Zentrum im vergangenen Jahr als Mitorganisator einer Podiumsdiskussion beim ersten Fergana-Friedensforum, an der Murodjon Umarov, stellvertretender Generaldirektor der Industrie- und Handelskammer der Region Sughd, teilnahm. Während der Diskussionen wurde die Bedeutung einer Vertiefung der wirtschaftlichen Integration in der Region, unter anderem durch die Entwicklung von Gemeinschaftsunternehmen, als Mittel zur Verbesserung des öffentlichen Wohlergehens und zur Stärkung eines nachhaltigen Friedens in Zentralasien hervorgehoben. Somit ist die Zusammenarbeit mit tadschikischen Analysezentren systematisch und führt bereits zu praktischen Ergebnissen, darunter ein erweiterter Experten-Dialog, die Entwicklung koordinierter Ansätze und die Förderung gemeinsamer Initiativen in der regionalen Entwicklung.
– Mit Blick auf die nächsten 5 bis 10 Jahre hat die Zusammenarbeit zwischen Usbekistan und Tadschikistan das Potenzial für qualitatives Wachstum. Wie schätzen Sie das Ausmaß der wirtschaftlichen und sozialen Interaktion zwischen den Ländern in den kommenden Jahren ein, und welche Projekte könnten zu „transformativen Akteuren“ für die Region werden?
– In den kommenden Jahren wird erwartet, dass sich die Interaktion zwischen Usbekistan und Tadschikistan von Handelswachstum hin zu einer tieferen wirtschaftlichen Integration verlagert. Der Handelsumsatz dürfte aufgrund der industriellen Zusammenarbeit und der Importsubstitution sowie der verstärkten Investitionskooperation und der gemeinsamen Produktion in Grenzregionen um weitere 30–40 Prozent steigen. Zu den wichtigsten transformativen Projekten könnten gehören: die Gründung gemeinsamer Verarbeitungsbetriebe und Agrarlogistikzentren; der Ausbau der Verkehrs- und Logistikinfrastruktur sowie von Transitkorridoren; die Ausweitung der industriellen Zusammenarbeit (in den Bereichen Automobil, Maschinenbau, Textilien und Chemie); sowie die Vertiefung der Zusammenarbeit in den Bereichen Energie und Infrastruktur. Darüber hinaus wird die soziale Vernetzung weiter zunehmen: Ein Anstieg der Touristenströme (bereits mehr als 2,7 Millionen Bürger Tadschikistans jährlich) und der Ausbau der Flugverbindungen (bis zu 10 Flüge) prägen eine nachhaltige humanitäre und geschäftliche Integration. Insgesamt wird sich das Interaktionsmodell in Richtung einer engeren wirtschaftlichen Integration mit integrierten Produktions- und Transportverbindungen entwickeln und die Rolle beider Länder in der regionalen Wirtschaft Zentralasiens stärken.
– Inwieweit kann der bevorstehende Besuch des tadschikischen Präsidenten Emomali Rahmon in Usbekistan der Entwicklung der bilateralen Beziehungen und der regionalen Zusammenarbeit neue Impulse verleihen?
– Zunächst einmal kann dieser Besuch die Dynamik der bilateralen brüderlichen und verbündeten Beziehungen erheblich stärken und der regionalen Zusammenarbeit neue Impulse verleihen. Bei früheren Treffen haben die Staatschefs beider Länder die positive Dynamik der Zusammenarbeit hervorgehoben: Wachstum des Handelsvolumens, Anstieg des Güterverkehrs, Ausbau der Flugverbindungen sowie intensivierter kultureller und humanitärer Austausch. Die Verhandlungen werden sich auch auf die Entwicklung koordinierter Maßnahmen zur Steigerung des gegenseitigen Handels, zur Förderung von Projekten in den Bereichen Industrie, Energie und landwirtschaftliche Zusammenarbeit sowie zur Stärkung interregionaler Beziehungen erstrecken und damit die Grundlage für eine tiefere Integration der Volkswirtschaften und Produktionsketten beider Länder schaffen.
Darüber hinaus trägt der Meinungsaustausch über die internationale und regionale Agenda zur Koordinierung der Positionen innerhalb Zentralasiens und der GUS bei, wodurch das politische Vertrauen gestärkt und die Voraussetzungen für gemeinsame Infrastruktur- und Investitionsprojekte geschaffen werden. Somit kann der Besuch nicht nur eine symbolische Bestätigung der partnerschaftlichen Beziehungen sein, sondern auch ein praktisches Instrument zur Beschleunigung der Entwicklung des Handels, der industriellen Zusammenarbeit und der nachhaltigen regionalen Interaktion.
Interview geführt von Aziza Alimova, UzA