Akramjon Nematov: Zentralasien setzt auf einen pragmatischen Ansatz im Dialog mit Deutschland
In seinem Kommentar zu den Ergebnissen des Expertenforums „Zentralasien – Deutschland“, das am 16. und 17. April dieses Jahres in Khiwa stattfand, stellte Akramjon Nematov, erster stellvertretender Direktor des Instituts für strategische und regionale Studien, eine Vision für Ansätze zur Entwicklung der interregionalen Zusammenarbeit vor, wobei er die Einschätzungen sowohl deutscher als auch zentralasiatischer Experten weitgehend zusammenfasste.
Ihm zufolge deuten die Ergebnisse des Forums auf die Entstehung eines qualitativ neuen Paradigmas der Zusammenarbeit hin, in dem Zentralasien endlich über seine bisherige Wahrnehmung als Randraum hinauswächst und seinen Status als unabhängiger geoökonomischer und politischer Akteur festigt. Wie der Experte anmerkte, deckt sich diese Schlussfolgerung weitgehend mit der Position deutscher Analysten, die auf einen Wandel von der Logik einer „Transitregion“ hin zu einem Verständnis von Zentralasien als einem der Schlüsselknotenpunkte der entstehenden eurasischen Architektur hinweisen.
Akramjon Nematov betonte, dass sich die derzeitige Phase der Interaktion im Rahmen einer gleichberechtigten strategischen Partnerschaft entwickle, deren institutionelle Grundlage auf dem Berliner Gipfel 2023 gelegt wurde.
In diesem Zusammenhang wird das „C5+1“-Format nicht nur als Mechanismus für den außenpolitischen Dialog gesehen, sondern als Instrument zur Stärkung der regionalen Handlungsfähigkeit.
Der Referent hob diesen Aspekt hervor und identifizierte einen entscheidenden diskursiven Wandel: Zentralasien strebt keine Integration in externe geopolitische Rahmenwerke an, sondern entwickelt vielmehr eine eigene Agenda. Innerhalb dieser Logik agieren externe Partner, darunter auch Deutschland, nicht als Architekten von Prozessen, sondern als gleichberechtigte Teilnehmer an der gemeinsamen Entscheidungsfindung.
Einen bedeutenden Platz in der Einschätzung des Experten nahm das Überdenken des wirtschaftlichen Interaktionsmodells ein. Während zuvor der Schwerpunkt hauptsächlich auf der Verkehrsanbindung und der Transitfunktion der Region lag, gibt es seiner Ansicht nach heute eine Verlagerung hin zu einer tieferen Form der Integration – der Einbindung der zentralasiatischen Länder in globale Wertschöpfungsketten.
In diesem Zusammenhang schlägt der Vertreter des Instituts für Strategische und Regionale Studien vor, den Schwerpunkt der Zusammenarbeit von der Infrastruktur auf Industrialisierung, Technologielokalisierung und gemeinsame Produktion zu verlagern. Dieser Ansatz ergänzt die Strategie Deutschlands zur Diversifizierung und Risikominderung und verleiht ihr einen praktischeren und langfristigeren Charakter. „Tatsächlich geht es hier um die Schaffung eines neuen Modells wirtschaftlicher Interaktion, in dem Zentralasien nicht nur als Transiträum, sondern auch als Produktions- und Technologiedrehscheibe fungiert“, betonte der Experte.
Akramjon Nematov widmete der Afghanistan-Frage besondere Aufmerksamkeit, die nicht als nebensächliches Sicherheitsanliegen, sondern als strukturelles Element der regionalen Stabilität betrachtet wird.
Im Gegensatz zum eher zurückhaltenden europäischen Ansatz, der eine bedeutende normative Komponente beibehält, plädiert der Experte konsequent für ein pragmatisches Modell des Engagements. Er betonte, dass eine Isolierung Afghanistans die Gefahr einer Destabilisierung birgt, während die Integration des Landes in die Bereiche Infrastruktur, Energie und Handel Bedrohungen verringern und Bedingungen für eine schrittweise Normalisierung schaffen kann.
In diesem Zusammenhang positioniert sich Zentralasien als Vermittler und Motor eines flexibleren Interaktionsmodells und schlägt vor, dass Deutschland bestehende regionale Mechanismen und Kanäle nutzt, um einen pragmatischen Dialog aufzubauen.
Ein wichtiges Element der vorgeschlagenen Agenda war die Stärkung der institutionellen Komponente der Zusammenarbeit. Im Gegensatz zum projektbasierten Ansatz, der – wie deutsche Experten selbst einräumen – oft mit Umsetzungsschwierigkeiten konfrontiert ist, plädierte der Vertreter des Instituts für Strategische und Regionale Studien für die Schaffung nachhaltiger Mechanismen der Zusammenarbeit.
Dies beinhaltet die Einrichtung gemeinsamer Bildungsplattformen, Investitionsfonds und Technologiezentren. Ein solcher Ansatz zielt darauf ab, Deutschlands langfristige Präsenz in der Region nicht nur als Wirtschaftspartner, sondern auch als Quelle für Standards, Wissen und Kompetenzen zu festigen.
In einem breiteren analytischen Kontext ist der Experte der Ansicht, dass die allgemeine Position der Forumsteilnehmer das Bestreben widerspiegelt, zwei strategische Logiken in Einklang zu bringen. Einerseits ist der europäische Ansatz auf kontrollierte Interdependenz und Risikominderung ausgerichtet; andererseits zielt der zentralasiatische Ansatz auf die Stärkung von Autonomie und interner Resilienz ab.
Diese Synchronisation spiegelt sich in der Betonung der Komplementarität wider: Deutschland wird als technologischer und institutioneller Partner angesehen, während Zentralasien als aufstrebendes Zentrum für wirtschaftliche Aktivität, Konnektivität und regionale Koordination gilt.
Abschließend betonte Akramjon Nematov, dass das Khiwa-Forum die Reife Zentralasiens als politischen und strategischen Raum bestätigt habe. In dieser Hinsicht nehme der Dialog mit Deutschland einen qualitativ neuen Charakter an – eine Partnerschaft auf Augenhöhe, in der die Anerkennung regionaler Handlungsfähigkeit nicht nur ein politisches Prinzip, sondern auch eine praktische Voraussetzung für eine effektive Zusammenarbeit sei.
Somit bietet der vorgeschlagene Rahmen für die Zusammenarbeit laut dem Vertreter des Instituts für Strategische und Regionale Studien eine Leitlinie für den Übergang von fragmentierten Initiativen zu einem systemischen Modell, in dem Infrastruktur, Industrie, Bildung und Sicherheit als miteinander verbundene Elemente einer einheitlichen Strategie für die Entwicklung Eurasiens betrachtet werden.
UzA