Die „Bischkek-Dimension“: Wie Usbekistan den Jahrestag der SOZ in konkrete Wirtschaftsinitiativen umwandelt
Der Präsident der Republik Usbekistan, Shavkat Mirziyoyev, wird vom 31. August bis zum 1. September der Hauptstadt Kirgisistans einen Arbeitsbesuch abstatten, um an der Jubiläumssitzung des Rates der Staatsoberhäupter der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit teilzunehmen.
Der Gipfel steht im Zeichen des 25-jährigen Bestehens der Organisation und findet unter dem Motto des kirgisischen Vorsitzes „25 Jahre SOZ: Gemeinsam für nachhaltigen Frieden, Entwicklung und Wohlstand“ statt. Wichtigstes politisches und rechtliches Ergebnis wird die Bischkek-Erklärung zum 25. Jahrestag der SOZ sein. Darüber hinaus wird die Unterzeichnung von 20 bis 25 weiteren Dokumenten erwartet, die die Zusammenarbeit in Eurasien für den kommenden Zyklus prägen sollen. Für Taschkent ist die Plattform von Bischkek jedoch weit mehr als eine feierliche Jubiläumsveranstaltung. Sie dient als strategisches Instrument zur Förderung konkreter wirtschaftlicher, verkehrspolitischer und antikrisenbezogener Initiativen.

Die SOZ als Markt- und Infrastrukturraum
In mehr als 25 Jahren hat sich die Organisation von einem Forum zur Vertrauensbildung entlang der postsowjetischen Grenzen zu China zu einem der größten Wirtschaftsräume der Welt entwickelt. Der Gipfel in Bischkek bringt Delegationen aus 21 Ländern zusammen, darunter den derzeitigen Vorsitzenden Sadyr Japarov, die Staats- und Regierungschefs Chinas, Russlands, Indiens, Pakistans, Irans, Kasachstans, Tadschikistans und Usbekistans sowie die Präsidenten der Türkei und Ägyptens, den Premierminister Armeniens und den Generalsekretär der Vereinten Nationen António Guterres. Diese breite Beteiligung unterstreicht die Rolle der SOZ als Plattform, deren Mitgliedstaaten einen zweistelligen Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt und an der Weltbevölkerung ausmachen. Die auf ihren Gipfeltreffen getroffenen Entscheidungen wirken sich nahezu unmittelbar auf Verkehr, Logistik und Handel aus.
Für Usbekistan ist diese wirtschaftliche Dimension seit Langem greifbare Realität. Bis Ende 2025 erreichte der Handel mit den SOZ-Mitgliedstaaten 40,6 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg um 21,7 Prozent entspricht. Schätzungen des Zentrums für Wirtschaftsforschung und Reformen zufolge hat sich dieser Wert von 12,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017 auf 40,6 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 und damit um das 3,1-Fache erhöht. Die Exporte stiegen von 5,8 Milliarden auf 10,65 Milliarden US-Dollar, während die Importe von 7,1 Milliarden auf 29,96 Milliarden US-Dollar zunahmen. Im Jahr 2025 beliefen sich die aus den Mitgliedstaaten stammenden ausländischen Investitionen auf 24,8 Milliarden US-Dollar. Davon entfielen 13 Milliarden US-Dollar auf China und 2,6 Milliarden US-Dollar auf Russland. Da der gesamte Außenhandel Usbekistans 81,2 Milliarden US-Dollar erreichte und gegenüber dem Vorjahr um 20,7 Prozent zunahm, entfallen inzwischen die Hälfte der außenwirtschaftlichen Beziehungen des Landes auf die SOZ-Staaten. Diese Entwicklung hat nicht nur taktische Bedeutung, sondern zeugt von einer strukturellen gegenseitigen Abhängigkeit, die institutioneller Steuerung bedarf.
Taschkent verfolgt traditionell das Ziel, diese gegenseitige Abhängigkeit in konkrete Maßnahmen umzusetzen. Vor Kurzem hat Usbekistan eine Datenbank für Industrieinvestitionsprojekte eingerichtet, deren Regelwerk im Juni 2026 verabschiedet wurde. Zudem schlug das Land die Einrichtung eines Regionalzentrums der SOZ für kritische Rohstoffe, eines Energiekonsortiums, eines Netzwerks von Innovations- und Technologiezentren sowie von Risikofinanzierungsinstrumenten zur Förderung von Innovationen vor. Ziel ist es, den Schwerpunkt der Gipfeltreffen von bloßen Erklärungen auf konkrete Wertschöpfungsketten, Finanzinstrumente und die Entwicklung der Infrastruktur zu verlagern.
Priorität eins: Verkehrskorridore und ein „einheitlicher Verkehrsraum der SOZ“
Die Verkehrsanbindung ist für Taschkent in Bischkek eines der dringendsten und sensibelsten Themen. Als Binnenstaat ist Usbekistan für seine wirtschaftliche Integration in den Welthandel auf die Diversifizierung seiner Verkehrswege angewiesen. Das wichtigste Projekt ist die Eisenbahnstrecke China–Kirgisistan–Usbekistan, deren Bau im Dezember 2024 begann. Sie soll die Entfernung zwischen Ostasien und dem Nahen Osten sowie Südeuropa um rund 900 Kilometer verkürzen und die Lieferzeiten um sieben bis acht Tage reduzieren. Die jährliche Transportkapazität soll 12 bis 15 Millionen Tonnen betragen. Als trilaterale Logistikroute, die benachbarte Länder miteinander verbindet, spiegelt das Projekt zugleich die geografische Dimension des Gipfels wider.
Der zweite wichtige Verkehrsweg ist der Transafghanische Korridor, der von Termez über Mazar-i-Sharif und Kabul nach Peschawar führt und zentralasiatischen Waren den Zugang zu den Häfen am Indischen Ozean ermöglichen soll. Gemeinsam mit der Route China–Kirgisistan–Usbekistan entsteht ein Verkehrsnetz, das einen bedeutenden Teil des eurasischen Transitverkehrs aufnehmen kann. Auf institutioneller Ebene setzt sich Taschkent für die Schaffung eines „einheitlichen Verkehrsraums der SOZ“ ein und fördert die Digitalisierung der Zollverfahren, den Austausch elektronischer Dokumente, die frühzeitige Bereitstellung von Informationen und eine umfassende Verfolgung von Gütertransporten. Diese Maßnahmen entsprechen den einschlägigen Bestimmungen der Bischkek-Erklärung zu internationalen Verkehrskorridoren.
Priorität zwei: Förderung der industriellen Zusammenarbeit und Entwicklung einer Karte der Wertschöpfungsketten
Das zweite strategische Ziel Taschkents besteht darin, Handelszahlen in eine nachhaltige industrielle Zusammenarbeit zu überführen. Die im Juni 2026 eingerichtete Datenbank für Industrieinvestitionsprojekte soll Informationslücken verringern, indem Unternehmen der Mitgliedstaaten die Möglichkeit erhalten, potenzielle Kooperationsbereiche, Kompetenzen möglicher Partner und den Grad der lokalen Produktion rasch zu ermitteln. Eine Erweiterung dieser Initiative ist die von Taschkent vorgeschlagene Karte der industriellen Zusammenarbeit der SOZ – ein praktisches Instrument, um bislang voneinander getrennte Initiativen zu gemeinsamen Produktionsketten zusammenzuführen und Bereiche aufzuzeigen, in denen sich die Möglichkeiten der einzelnen Länder gegenseitig ergänzen.
Zunächst konzentriert sich die Zusammenarbeit auf Bereiche, in denen Usbekistan über eine solide Rohstoffbasis und etablierte Vertriebskanäle verfügt, darunter die Textilindustrie und der agroindustrielle Sektor. Später soll dieser Ansatz auf den Maschinenbau, die Elektroindustrie, die Pharmaindustrie, die chemische Industrie und die Herstellung von Baustoffen ausgeweitet werden. Diese Abfolge folgt einer pragmatischen Strategie: Zunächst sollen einfachere Kooperationsmodelle umgesetzt und anschließend schrittweise komplexere Produktionsstufen entwickelt werden.
Priorität drei: Sicherheit als ganzheitliches System und nicht nur als Sammlung einzelner Maßnahmen
Der Jubiläumsgipfel bringt bedeutende Veränderungen im Sicherheitsrahmen der SOZ mit sich. Das Exekutivkomitee der Regionalen Antiterrorstruktur wird zu einem Universellen Zentrum umgestaltet, das ein breiteres Spektrum von Sicherheitsbedrohungen abdecken soll. Gleichzeitig erarbeitet die SOZ neue Regelungen für das Zentrum zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Bischkek und das Antidrogenzentrum in Duschanbe. Zu den zur Unterzeichnung vorgesehenen Dokumenten gehören die Erklärung zur Stärkung der multilateralen Partnerschaft für nukleare Sicherheit, das Programm zur Beseitigung der Drogensucht bis 2030, Initiativen zur Bekämpfung synthetischer Drogen und ihrer Ausgangsstoffe sowie ein Aktionsplan für die internationale Informationssicherheit.
Usbekistan spielt bei der Gestaltung dieser Sicherheitsarchitektur eine wichtige Rolle und hat mehrere ihrer zentralen Elemente initiiert. Seit dem Expertenforum für Informationssicherheit im Jahr 2021 und der Samarkand-Initiative der Solidarität für gemeinsame Sicherheit und Wohlstand im Jahr 2022 hat Taschkent konsequent proaktive Formate vorgeschlagen, die darauf abzielen, Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und ihnen vorzubeugen, anstatt lediglich auf sie zu reagieren. Dazu gehören der Kodex für gute Nachbarschaft, Vertrauen und grenzüberschreitende Partnerschaft aus dem Jahr 2023 sowie der Vorschlag für eine SOZ-Erklärung zur nuklearen Sicherheit aus dem Jahr 2025. Auf dem Gipfel in Tianjin schlug Usbekistan zudem die Einrichtung eines Internationalen Expertenrats für künstliche Intelligenz vor. Die Strategie Taschkents zielt auf einen Übergang von reaktiven Maßnahmen zu Mechanismen der Regelsetzung ab. Protokolle zu Regeln, Vertrauen und Datenaustausch gewinnen dabei ebenso große Bedeutung für die Sicherheit wie Strafverfolgungsmaßnahmen und entsprechende Institutionen.
Afghanistan bleibt ein weiterer Schwerpunkt. Usbekistan unterstützt die Wiederaufnahme der Tätigkeit der SOZ-Afghanistan-Kontaktgruppe sowie die Einbindung Kabuls in regionale Verkehrs- und Energieprojekte. Diese Strategie soll dazu beitragen, Risiken zu verringern und zugleich das Transitpotenzial Afghanistans zu nutzen.
Zentralasien als Kern der SOZ und der „Bischkek-Effekt“
Die Ausrichtung des Gipfels in Bischkek unterstreicht die zentralasiatische Dimension der Tagesordnung. Die Region nimmt sowohl konzeptionell als auch geografisch eine zunehmend zentrale Stellung innerhalb der Organisation ein. Zu ihr gehören fünf zentralasiatische Staaten, denen es im vergangenen Jahrzehnt gelungen ist, die sensibelsten Grenzfragen zu lösen. Im Januar 2023 unterzeichneten die Präsidenten Shavkat Mirziyoyev und Sadyr Japarov eine Erklärung über eine umfassende strategische Partnerschaft sowie 25 weitere Dokumente, darunter einen Grenzvertrag, wodurch drei Jahrzehnte rechtlicher Ungewissheit beendet wurden. Bis 2024 hatten Kirgisistan und Usbekistan die Grenzdelimitierung offiziell abgeschlossen und einen 302,29 Kilometer langen Grenzabschnitt festgelegt. Im Jahr 2026 bekräftigten beide Staatschefs während des Staatsbesuchs des Präsidenten Usbekistans in Kirgisistan erneut ihre Bereitschaft, die strategische Partnerschaft weiter auszubauen.
Auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit zeigt inzwischen konkrete Ergebnisse. Nach Angaben der Statistikagentur Usbekistans erreichte der bilaterale Handelsumsatz im Jahr 2024 846,4 Millionen US-Dollar. Ziel ist es, ihn auf 2 Milliarden US-Dollar zu steigern. Kirgisistan nutzt seinen Vorsitz, um Finanzinstrumente der SOZ wie die Entwicklungsbank, den Entwicklungsfonds und den Investitionsfonds der Organisation voranzubringen. Usbekistan unterstützt diese Initiativen. Dadurch wird ein zunehmend geeintes Zentralasien, insbesondere infolge der Lösung von Grenz- und Wasserfragen, zu einem wichtigen Faktor für die Stabilität innerhalb der SOZ und nicht mehr nur zu einem Randgebiet der Organisation.
Zusammenfassung: Vom Jubiläum zu konkreten Projekten
Während das Jubiläum des SOZ-Gipfels in Bischkek überwiegend einen feierlichen Charakter hätte haben können, zeigt die Beteiligung Usbekistans eine andere Ausrichtung. Taschkent beabsichtigt, den 25. Jahrestag zu nutzen, um bereits vereinbarte Instrumente wie die Datenbank für Investitionsprojekte, den reformierten Rahmen zur Terrorismusbekämpfung sowie Verkehrs- und Digitalisierungsmechanismen in der Erklärung und den dazugehörigen Dokumenten offiziell zu verankern.
Die Teilnahme von Präsident Shavkat Mirziyoyev an der Sitzung des Rates der Staatsoberhäupter dürfte für Usbekistan mehrere nachhaltige Ergebnisse bringen. Erstens sollen wirtschaftliche Initiativen durch konkrete Dokumente institutionell verankert werden. Zweitens eröffnet der Gipfel einen zusätzlichen diplomatischen Kanal für bilaterale Gespräche mit wichtigen Partnern über Investitionen, Transit und Sicherheit. Drittens wird die zentrale Rolle Taschkents bei der Ausarbeitung einer gemeinsamen zentralasiatischen Position innerhalb der Organisation weiter gestärkt.
Die Mehrvektorstrategie Usbekistans verdeutlicht den übergeordneten Ansatz. Das Land nutzt die Plattform von Bischkek, um seine Einbindung in die wichtigsten Wirtschafts- und Verkehrswege der SOZ zu vertiefen und gleichzeitig eine eigenständige außenwirtschaftliche Politik gegenüber der Europäischen Union, den Golfstaaten und Südostasien fortzusetzen. Für Taschkent ist die Bischkek-Erklärung zum 25. Jahrestag der SOZ trotz ihrer symbolischen Bedeutung in erster Linie ein praktisches Dokument – ein Rahmen, der die nationalen Wirtschaftsinteressen auf eine dauerhafte völkerrechtliche Grundlage stellt. Der eigentliche Sinn des Jubiläums besteht daher nicht nur darin, auf die bisherigen Erfolge zurückzublicken, sondern diese in konkrete Regeln und Maßnahmen für das kommende Jahrzehnt zu überführen.
Abduaziz Khidirov,
Masterstudent,
Akademie für öffentliche Politik und Verwaltung beim Präsidenten der Republik Usbekistan
UzA